ich würde mich sehr freuen, wenn mir Menschen mit selbstunsicherer bzw. ängstlich-vermeidender Persönlichkeitsstörung aufgrund ihrer eigenen Erfahrung helfen könnten, die Situation, in der ich mich befinde, besser einschätzen zu können.
Vor über 2 Jahren habe ich einen Mann getroffen, der mich vollkommen umgehauen hat - unter anderem aufgrund seiner Reflektiertheit und Bescheidenheit. Unser erster (persönlicher) Kontakt lief super, ich hatte das Gefühl, dass er mir ebenso zugetan war, wie ich ihm. Von da an war die (meist schriftliche) Kommunikation aber sehr schwierig. Er hat entweder gar nicht geantwortet oder sehr lange dafür gebraucht. Nach ein paar Wochen zeigte sich dann, dass an eine romantische Beziehung nicht zu denken war, weil er, und dann auch ich, vergeben waren. Er hat auch noch zwei Kinder (was er mir 5 Monate nach unserem Kennenlernen erst gesagt hat).
Ich habe mir seitdem große Mühe gegeben, die Beziehung auf einer platonischen Ebene weiterzuführen. Das wurde dadurch erschwert, dass er weiterhin sehr passiv war und mir fast nichts von seiner Freundin erzählt hat, was mich irritiert hat - inzwischen bin ich sicher, dass er ihr nie von mir erzählt hat und deshalb ein schlechtes Gewissen hatte. Doch jedes Mal, wenn es mir wieder so schlecht mit der Situation ging, dass ich bereit gewesen wäre, den Kontakt von mir aus abzubrechen, kam dann doch wieder eine Interessensbekundung seinerseits (immer nur auf Nachfrage). Davon abgesehen war der persönliche Kontakt (selten, da nur unter Arbeitsvorwand - wir haben dienstlich lose miteinander zu tun) weiterhin toll.
Eskaliert ist die Sache, als ich vor einem halben Jahr im Krankenhaus war, dort auch zeitweise in durchaus gefährlichem Zustand, und er sich kein einziges Mal nach mir erkundigt hat. Danach habe ich ihm eine recht konfrontative Nachricht geschrieben, unter anderem mit dem Vorwurf, er sei unfähig, Nähe herzustellen oder sich verletzlich zu machen. Seine Reaktion bestand in Schweigen. Mehrere Wochen danach habe ich ihm eine Mail geschrieben, die insgesamt versöhnlicher war, aber auch ein Abschied sein sollte, und in dem ich ihm auch relativ deutlich beschrieben habe, was er mir bedeutet (hat). Auch darauf kam keine Reaktion. Und da ich mit diesem (Nicht-)Abschluss dann doch nicht leben konnte, habe ich ihn irgendwann auf der Arbeit angerufen. Es war richtiggehend schmerzhaft, zu hören, wie er mit jedem Wort kämpft. Auf meine (ziemlich vorwurfsvolle) Frage, warum er nicht einfach sagt, dass er den Kontakt abbrechen will, sagte er, dass er den Kontakt nie habe abbrechen wollen. Er sagte, sein Problem sei vor allem, dass er Gedanken im Kopf habe, die er nicht aussprechen könne, weil jeder Satz in einem Seufzen endet. Es sei keine Frage der inneren Klarheit, sondern eher ein Übersetzungsproblem. Es war für mich in dem Moment alles sehr verwirrend.
Ich bin selbst Psychologin (keine Psychotherapeutin). Inzwischen habe ich eins und eins zusammengezählt und bin bei der Diagnose ängstlich-vermeidende PS angelangt. Einige Indizien zusätzlich zu dem, was ich beschrieben habe: Er schreibt mich nie mit Namen an und sagt ihn auch nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Lange Zeit hatte er einen so unpersönlichen Sprachstil, dass ich manchmal nicht einmal verstanden habe, ob er von sich, von mir, oder von jemand anderem spricht. Vor allem hat er kaum je ich und du in demselben Satz verwendet. Er stellt mir kaum je persönliche Fragen, obwohl ich merke, dass er sich dafür interessiert, wenn ich von selbst Persönliches erzähle - und sich jedes Detail merkt. Er hat selbst am Anfang gesagt, dass er nicht weiß, ob der genug Selbstvertrauen hat, um mit mir mitzuhalten (natürlich nicht von sich aus, sondern im Rahmen eines emotional intensiven Gesprächs nach seinem ersten Ghosting). Manchmal liest er meine Whatsapp-Nachrichten tage- und wochenlang nicht, also öffnet den Chat gar nicht, obwohl er in dieser Zeit meist ungewöhnlich häufig online ist. Dass er schlecht mit negativem Feedback umgehen kann, hat er mir auch schon relativ früh geschrieben. Wenn ich andeute, dass bzw. inwiefern ich ihn für außergewöhnlich halte, empfindet er das als schmeichelnd und besorgniserregend gleichzeitig - er sagte mal, dass er ein Problem mit Lob hat, weil die Person es ihm dann auch wieder entziehen könnte. Ich glaube, er hat immer Angst, dass ich mit außergewöhnlich eigentlich komisch oder abnorm meine. Wenn die schwierige Themen zwischen uns in der Luft liegen, fängt er gerne an, stattdessen über die (gemeinsame) Arbeit zu sprechen. In den ersten Wochen unserer Bekanntschaft haben wir schriftlich eigentlich nur intellektuell gefaselt, also das Gespräch auf einer sachlichen Ebene gehalten - und das ging definitiv von ihm aus.
Ich habe nun eine ungefähre Vorstellung davon, wie er sich in der Interaktion mit mir fühlt, nämlich grundsätzlich ambivalent. Aber wie kann ich es ihm leichter machen? Jetzt, wo ich ihm schon so viele (durchaus gerechtfertigte, aber nicht unbedingt zielführende) Vorwürfe gemacht habe, wie komme ich dahin, dass er keine oder weniger Angst vor mir hat?
Zusätzlich erschwerend ist die Tatsache, dass er in einer monogamen Beziehung ist (ich inzwischen nicht mehr). Ich habe keine Ahnung, wie wichtig diese Beziehung ihm ist, unabhängig von den Kindern, die er auf jeden Fall sehr liebt. Ich habe das Gefühl, ich bin in einer Zwickmühle: Wenn ich ihm nicht ganz unmissverständlich klar mache, was er mir bedeutet, wird es mit seinen Ängsten und seinem Vermeidungsverhalten nicht besser, wenn ich aber entsprechend deutlich werde, bringe ich ihn in eine unangenehme (bzw. noch unangenehmere Lage), was seine Beziehung und eventuelle Treuevorstellungen angeht. Außerdem würde es vermutlich Druck ausüben.
Meine Frage an alle, die ähnliche Probleme haben, wie er: Was genau ist es, was ihr befürchtet und was euch in solchen Situationen davon abhält, Nachrichten zu lesen, zu beantworten, oder gar Teile eures Innenlebens zu offenbaren? Hat das Gegenüber irgendeine Chance, euch die Sicherheit zu vermitteln, die dazu nötig wäre? Ich habe in den letzten Wochen sehr viel Verständnis gezeigt (was mich einige Selbstbeherrschung kostet, weil ich mich natürlich auch erstmal zurückgesetzt fühle, wenn ich ignoriert werde). Trotzdem ist die Kommunikation weiterhin zäher, als sie je war. Wenn ich ihm zum Beispiel bei Whatsapp bei längeren Nachrichten ein Herz hinterhersenden würde, könnte ihm das signalisieren: Entwarnung, du kannst die Nachricht öffnen? Oder denkt er dann: Verdammt, schon wieder ein Annäherungsversuch, auf den ich irgendwie reagieren muss, und setzt ihn noch mehr unter Druck? Hängt das auch von der Farbe des Herzens ab?
Wir werden demnächst ein persönliches Gespräch führen. Und ich habe keine Ahnung, wie offen ich ihm sagen soll, dass ich sein Problem verstanden habe. Ich nehme an, dass es so ungefähr der schlimmste Albtraum eines Mannes mit ängstlich-vermeidender PS ist, von einer Frau auf seine Ängste angesprochen zu werden, und wenn man die Möglichkeit mit einbezieht, dass er in mich verliebt ist, ist es wahrscheinlich kaum zu ertragen. Aber wäre nicht alles andere unaufrichtig? Und wäre es nicht vielleicht möglich, einen gemeinsamen Umgang mit dem Problem zu finden?
Ich danke allen, die bis hierhin gelesen haben, und freue mich auf hilfreiches Feedback.
18.03.2025 10:25 • • 18.03.2025 #1