meine Name ist Lost_Soul, wohne in einer Großstadt und mache gerade mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Ich bin der glücklichstes Mensch auf Erden, denn mein großer Masterplan ging auf und bin nun dabei eines meiner wichtigsten Lebensziele zu erreichen. Voller Stolz gehe ich zur Schule, das Haupt nach oben blickend, mit einem verschmitzten Lächeln neugierig und wissbegierig. Ich bin glücklich, kreativ und intelligent. Es kann kein Zweifel bestehen: ich bin der glücklichste Mensch auf Erden.
Vor drei Monaten lag meine Mutter weinend in den Armen meines Onkel. Ich stand daneben, starrte apathisch auf dem Boden. Paralysiert von den gerade passierten, entriss mich der Geschmack von Blut aus der Starre. Blut floss in meinen Mund, lief entlang meines Gesichts und tropfte auf dem Boden. Mein Cousin sah mich entgeistert an. Was habe ich getan? Ich schämte mich nicht. Ich war einfach nur noch leer. Das war der Nullpunkt, der letzte Respekt, den ich von mir hatte, war verschwunden. Es war der Nullpunkt, als ich vor meiner Mutter wütend und außer mir mein Gesicht zerkrafte. Es war der Nullpunkt, da ich erkannt habe, dass ich in einen fantastischen Konstrukt lebte. Es war der Nullpunkt, da ich festgestellt hatte, dass meine Gedanken nicht mehr zur Welt passten und vielleicht ich selbst nicht mehr zur Welt passte. Meine Mutter schrie mich weinend an, weshalb ich mir das nur antue. Ich stand nur da, sagte nichts. Ich stand einfach nur da. Meine ganzen Gedanken waren entschwunden, ich war leer, fertig, nichts war mehr da.
Heute bin ich hier in diesem Forum, um von meiner Geschichte zu erzählen, in der Hoffnung, dass mir das in irgendeiner Form helfen mag. Und noch mehr hoffe ich auf euch, auf eure Geschichten, eure Hilfen und Ratschlägen. Vielleicht schaffe ich es, wieder vor meinen Computer zu sitzen und zu designen, mich politisch zu engagieren und in vielen Foren intellektuell auszutauschen. Und wer weiß, vielleicht darf ich mich eines Tages darauf freuen zusammen mit Menschen, die ich und die mich gut kennen, ein B. zu trinken und mich wohlbehütet in dem Kreis dieser Menschen zu fühlen. Und wer weiß, vielleicht kann auch ich helfen. Aber vorher noch etwas zu mir. Ich erzähle euch ein paar Aspekte meines Lebens.
Ich bin ein introvertierter Mensch, der die Welt nicht durch die Augen anderer, sondern durch seine eigenen sieht. Schon als Kind war ich sehr fantasiereich, hatte nicht nur einen imaginären Freund, sondern gleich eine ganze Welt, in der ich irgendwie wichtig war (und das ziemlich lange, wobei ich Realität und abtauchen in mein Konstrukt unterscheiden konnte). Meine Leidenschaften waren Formen, Züge, Gestalt, das Visuelle im Allgemeinen, ich liebe das Schöne an sich, Essen, Fantasy und Sci-Fi. Später konkretisierten sich die Leidenschaften in Hobbys wie Fotografieren + Photoshoppen, skizzieren, Geschichten schreiben, die städtische Infrastruktur neu planen (ich fertigte tausende von Zeichnungen an, wie man das U- und S-Bahn neustrukturieren kann), Politik (vor allem Sozialpolitik), Wissenschaft (vor allem Astronomie und Neurologie) und Zocken (Rollenspiele etc.). Am Ende kamen noch zwei Hobbys dazu, die mich geprägt haben und letztlich dazu führten, dass ich neue Ziele in meinem Leben anvisiert habe. Zum einen interessiert mich die wissenschaftliche Psychologie und die Philosophie. Ich war jemand, der an vielen Dingen gefallen finden konnte. Nur mit den Hobbys die andere in meinen Alter so lieben und schätzen, wie Sport, Autos, Ballerspiele, sich die Kante geben oder mal rumhängen konnte ich nie etwas anfangen. Und ich hatte noch ein anderes Hobby, welches ich entwickeln musste im Laufe meiner Pubertät: das Lügen.
Ich log und log und teilweise lüge ich heute noch. Nein, ich lüge nicht um mir Vorteile zu erschaffen. Ich lüge eher um meine Existenz zu legitimieren. Ich log damals in meiner Klasse und erzählte von schönen Sommerferien mit spektakulären Ereignissen. Ich log wenn ich die tollen Wochenenden mit meiner ebenso erfundenen Clique beschrieb. Die Lüge als Instrument um mich vor anderen zu schützen, um mich gewissermaßen der verurteilenden Reaktion der anderen zu entziehen, begleitete mich in der Schulzeit, in der Ausbildung, in meinen kurzen Berufsleben und auch jetzt im zweiten Bildungsweg. Ich wagte es nicht davon zur erzählen, dass ich tagelang nichts anderes machte als Bahnnetze auf Verbesserungen zu prüfen oder mir Fantasy-Geschichten einfallen zu lassen. Zu sehr hätte mir die Wahrheit weh getan, die mich als unnormal abgestempelt hätte. Dennoch war mir das bewusst, dass ich unnormal war, aber tat so, als sei ich normal mithilfe der Lüge und meiner leistungsfähigen Fantasie. Lange Zeit lebte ich äußerst komfortabel in meiner selbst geschaffenen Schizophrenie und war als jemand bekannt, der lieb, nett und aufgeschlossen ist. Man meinte mich zu kennen und doch war ich nichts anderes als ein äußerst begabter und raffinierter Lügner.
Nun als junger Erwachsener fällt mir das Lügen schwerer. Das Gewissen, das erlahmen meiner Fantasie und die zunehmende Befürchtung dass meine Lügen entlarvt macht mir schwer zu schaffen. Als Jugendlicher konnte ich mit dieser Situation umgehen, war nicht unglücklich und widmete mich meinen Hobbys. Doch irgendwie klappt das nicht mehr. Ich habe keine Motivation mehr zum Fotografieren, ich habe meinen kreativen Blick scheinbar nicht mehr. Die Nachrichten sehe ich nicht mehr und gezeichnet habe ich seit Monaten nicht mehr. Selbst meine psychologischen und philosophischen Bücher rühre ich nicht mehr an. Das Lügen fällt mir schwer. Meine Erzählungen klingen mittlerweile unglaubwürdig, fanatasielos und drohen bei jeder Nachfragen ins sich zusammen zu stürzen. Ich fühle mich nichte mehr wohl in meiner Haut, ich spüre nun die Einsamkeit, all die Nachteilen keinen echten Freundeskreis zu haben. Daheim vor meinen Computer ergreift mich die Apathie. Nichts interessiert mich mehr.
Vor etwas einen halben Jahr dachte ich, dass das an meiner beruflichen Situation lag und tröstete mich damit, dass ich bald wieder zu Schule gehe und echte Ziele haben. Ich malte mir in meinen verrückten Köpfchen aus, wie ich mich mit Schülern anfreunden werde. Mit meinem Wissen, was ich damals maßlos überschätzte, sollte doch das Abi und die Schule ein Klacks werden. Viel zu früh, viel zu überhastet und ein kleinwenig viel zu verrückt plante ich meine Karriere auf der Uni, ohne die Herausforderungen in der Schule zu sehen. Ich stellte mir das Verhalten der Menschen so vor, wie in Daily Soaps oder so. Ohne es zu ahnen, entfernte ich mich immer mehr von realistischen Vorstellungen.
Und dann, eines Tages habe ich es begriffen: Ich bin nichts wert, da ich nichts und niemanden habe. Diese Erkenntnis trieb mich dazu, voller Wut auf mich selbst mein Gesicht zu zerkratzen. Mehrmals. Und das letzte Mal vor meiner Mutter. Das war das Ende. Mein Respekt vor mir war verschwunden. Später war ich gedemütigt und zog zu meiner Mutter zurück und gehe nun in meinem Heimatort wieder zur Schule.
Ich bin nicht mehr das, was ich glaubte zu sein: Einfallsreich, interessiert, intelligent etc. Ich sehe mich nun als elendiger Lügner, als ein Mensch der bereits mit Anfang zwanzig sich selbst ruiniert hat. Mich zeichnet eher die Adjektive einsam, komisch, verschlossen und verlogen aus.
Ich bin der unglücklichste Menschen auf Erden... zumindest in meiner kleiner, einfälltigen, verlogenen, missratenen Welt, in der der einzig Mittelpunkt ein kleines egozentrisches Ich ist.
Wenn Menschen Seelen haben sollte, dann weiß ich zumindest, wie es sich anfühlt keine zu haben.
17.12.2010 18:21 • • 20.11.2016 #1