@suse-ju
Hey, erstmal danke für deinen ehrlichen, sehr reflektierten Beitrag. Du beschreibst deine Situation sehr eindrücklich und vor allem realistisch – man merkt, dass du dir Gedanken machst, dich hinterfragst und nicht einfach blind in Panik versinkst. Und trotzdem hängst du gerade fest – und zwar ziemlich.
Zitat von suse-ju: Situation: Ich bin selbständig und habe große Verantwortung für viele Angestellte.
Das ist direkt der erste Satz – und auch einer der wichtigsten. Du bist es gewöhnt, Leistung zu bringen, Verantwortung zu tragen, zu funktionieren. Dein System steht unter Dauerstrom, und zwar nicht seit zwei Wochen, sondern seit Jahren. Wer sich dauerhaft überlastet, gewöhnt sich an einen erhöhten inneren Druck, der irgendwann nicht mehr kompensierbar ist. Und dann reagiert der Körper. Ganz automatisch.
Zitat von suse-ju: Ich erschrecke mich in den eigenen Bewegungen, da diese sich so anders anfühlen,
Das ist ein klassisches Zeichen eines überreizten Nervensystems. Das Gehirn steht dauerhaft auf Empfang – der Sympathikus ist aktiv (also der Teil des Nervensystems, der für Kampf-oder-Flucht zuständig ist) und scannt permanent nach “Gefahr”. Dadurch fühlt sich jede minimale Wahrnehmung wie ein Warnsignal an. Die Folge: Körperliche Symptome. Muskelzuckungen, innere Rucks, sensorische Überreaktionen.
Zitat von suse-ju: Mein Hausarzt hat mir ein Muskelrelaxanz verordnet, von dem ich zwar schlafen kann, aber welches nichts an der Symptomatik ändert.
Natürlich nicht. Denn die Verspannung ist nicht muskulär gesteuert, sondern zentralnervös. Und ein Muskelrelaxans kann zwar den Tonus beeinflussen, aber nicht die Software, die das Ganze steuert – nämlich deine Wahrnehmung, deine Bewertung, deine Ängste.
Zitat von suse-ju: Meine Therapeutin (Hypnose) sagte mir, dass die Situation für den Körper neu und deshalb erst einmal unangenehm ist.
Ja, exakt. Wenn du über Jahre unter Hochspannung warst, dann fühlt sich selbst Entspannung am Anfang falsch an – sogar gefährlich. Weil der Körper verlernt hat, dass Ruhe erlaubt ist. Du gehst aus einem jahrzehntelangen Kriegszustand in Richtung Frieden, und das Nervensystem schreit: “Achtung! Was ist das? Gefahr?”
Zum „Gummiband“-Gefühl:
Das ist tatsächlich ein häufig beschriebenes Symptom bei Menschen mit stark überdrehtem autonomen Nervensystem. Es ist eine Mischung aus somatoformer Dysregulation (also körperlich spürbare Symptome ohne organische Ursache) und psychomotorischer Entladung. Dein Körper will sich entspannen – aber das autonome Nervensystem lässt noch nicht ganz los. Deshalb kommt es zu diesen ruckartigen, „schnipsenden“ Empfindungen, als würde Energie aus dem System schießen, ohne dass du es steuerst. Du hast das selbst sehr treffend beschrieben – das sind innere Entladungen. Und ja: Sie sind harmlos. Aber sie fühlen sich eben nicht so an.
Was du brauchst, ist nicht noch mehr Googeln nach neurologischen Erkrankungen (denn du weißt selbst, das ist Rückversicherung), sondern Konsequenz in der Regeneration. Nicht punktuell. Sondern dauerhaft. Und das ist schwer. Vor allem für Menschen wie dich, die funktionieren gelernt haben, nicht fühlen.
Was kannst du konkret tun?
1. Ernster mit der Entspannung arbeiten – nicht nur passiv Musik hören, sondern aktiv deinen Fokus trainieren. Z. B. über somatische Achtsamkeit (Fokus auf körperliches Spüren OHNE Bewertung).
2. Rückfallakzeptanz – dein Körper braucht Zeit. Und Symptome bedeuten nicht, dass du versagst oder rückfällig wirst. Sie sind Zeichen der Regulation.
3. Vertrauensaufbau statt Kontrolle – hör auf, alles deuten zu wollen. Du wirst so niemals zur Ruhe kommen. Je mehr du kontrollierst, desto lauter wird der Körper.
Und noch was:
Wenn du dich im Schreiben erschreckst, weil der Arm „schnipst“, dann sagt das mehr über deine innere Alarmbereitschaft als über deine Muskulatur. Dein Nervensystem ist gerade hypersensitiv – wie eine Alarmanlage, die bei jeder Fliege losgeht.
Fazit:
Was du spürst, ist keine neurologische Erkrankung. Es ist die Konsequenz eines überlasteten Systems, das gerade nach Jahrzehnten der Anspannung beginnt, zu regulieren. Ja, das fühlt sich unangenehm, manchmal sogar „verrückt“ an. Aber es ist der einzige Weg raus.
Du gehst ihn schon – auch wenn’s gerade noch hakt.
Dranbleiben. Kein Google. Kein Rumgetaste. Kein „Was wäre wenn…“.
Nur eins nach dem anderen. Und zwar täglich.
Wenn du willst, kannst du mich jederzeit mitnehmen auf deinem Weg. Aber du musst ihn selbst gehen.
Und du kannst das. Das steht zwischen den Zeilen deines Textes ziemlich deutlich.