Hallo ihr Lieben, da ich in diesem Forum ja so oft um Rat und Hilfe bitte, dachte ich, ich teile auch mal etwas meiner Erfahrung (ich leide mittlerweile bereits seit 15 Jahren unter einer generalisieren Angststörung mit psychosomatischen Begleitsymptomen) und ein paar Tipps und Anregungen. Wenn ihr also gerade verzweifelt seid, vor allem wegen psychogenem Schwindel, dann lade ich euch herzlich ein, dies zu lesen.
Elf Jahre litt ich unter psychosomatischer Atemnot. Diese bin ich mittlerweile seit mehreren Jahren komplett los! Falls ihr dazu mal mehr Infos wollt, kann ich natürlich auch gerne mal einen Beitrag dazu posten.
Hier soll es aber primär über Schwindel gehen. Ich bin keine Ärztin, bloß Betroffene, die sich über die Zeit reichlich informiert und eingelesen hat, also sind dies bloß meine persönlichen Erfahrungen und keine medizinischen Standards, an denen man eine Erkrankung ermessen kann.
Immer wieder hatte ich mal Schwindel, Mal verbunden mit der Periode, mal bei Hitze, bei übermäßigem Sport…wir Alle hatten wahrscheinlich schon mal eine kurze Schwindelattacke. Aber meistens bleibt es ja dabei. Bei der einmaligen Attacke, die einen zwar aufschrecken lässt, aber auch wieder vergeht und nach ein paar Tagen vergessen ist.
Zum Problem wird es, wenn diese Attacken immer wieder auftauchen, oder sogar zu einem Dauerschwindel werden, der sich über Stunden, Tage oder Wochen streckt.
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Drehschwindel (alles dreht sich), Schwankschwindel (man fühlt sich, als wäre man auf einem Schiff), diffusem Schwindel (ungenaue Benommenheit) und Liftschwindel (wie im Aufzug).
Ich hatte all diese Varianten des Schwindels bereits, manchmal auch gleichzeitig. Dir geht es vielleicht auch so.
Bei mir begann es an einem ganz normalen Arbeitstag. Es war nicht besonders heiß, nicht außergewöhnlich stressig. Mitten beim Laufen hatte ich auf einmal das Gefühl, ein Magnet würde mich stark nach rechts ziehen.
Ich bekam automatisch wahnsinnige Panik, da ich starke hypochondrische Züge habe und direkt ans schlimmste dachte. Ich setzte mich hin und rief eine Kollegin.
Irgendwann kamen die Sanitäter, sehr unaufgeregt, sahen nach meinem Blutdruck und fragten, ob ich genug gegessen oder getrunken hatte (Stichpunkt Dehydration oder Unterzuckerung, was solche plötzlichen Anfälle auslösen kann).
Alles war unauffällig, also schickten sie mich nach Hause.
Am nächsten Tag ging ich wieder zur Arbeit und alles war wieder in Ordnung.
Doch an diesem Tag suchten mich alle paar Wochen immer wieder solche kurzen Anfälle heim, also beschloss ich, das Ganze mal ärztlich abzuklären.
Meine Hausärztin machte ein kurzes EKG und nahm diverse Blutwerte ab (inklusive Schilddrüse, Vitamine) und verwies mich an einen HNO, an einen Neurologen und einen Kardiologen zur weiteren Abklärung.
Long Story Short- nach einer monatelangen Ärzteodyssee (wir kennen ja alle die Wartezeiten) hatte ich alle Untersuchungen hinter mir. Nichts gefährliches wurde gefunden. Absolut garnicht.
Mein Orthopäde sagte, dass ich stark verspannt war und mein Optiker fand ein Problem bei meiner Augenmuskulatur, aber nichts, was diese extremen Schwindelzustände so richtig erklären könnte.
Ich wurde frustriert, die Schwindelproblematik erschien immer häufiger und dauerte länger an, wobei ich starke Tendenzen zu einem Schwankschwindel entwickelte. So als würde man instabil sein, als würde der Boden sich bewegen, schaukeln wie ein Karussell auf der Kirmes, wie man sich fühlt nachdem man eine Achterbahn gefahren ist und danach wieder festen Boden unter den Füßen hat.
Ich wollte die Diagnose „psychogener Schwindel“ nicht akzeptieren. Es war unmöglich zu glauben, dass das alles „nur“ psychisch war.
Also suchte ich weiter, stellte mich bei Alternativmedizinern vor, startete eine Physiotherapie für mein HWS-Syndrom (wodurch Schwindel auch stammen kann), aber all das half langfristig kein Stück.
Ich misstraute den ärztlichen Urteilen und fing an, mir zweitmeinungen zu holen, verbrachte Stunden damit, im Internet zu recherchieren und mich in Krankheitsbilder reinzuzwingen, bis ich 100% überzeugt war, daran erkrankt zu sein. Ich hatte auf einmal Kopfschmerzen, Schwäche und dachte nichts würde mehr gehen.
Mittlerweile verging kein Tag ohne Schwindel und ich traute mir immer weniger zu. Ich meldete mich oft krank bei der Arbeit, verbrachte meinen Tag im Bett, traute mich kaum auf die Toilette oder alleine duschen zu gehen.
Irgendwann wusste ich aber, dass es so nicht weiter gehen könnte. Also dachte ich mir: „Alles klar, du weißt, dass du organisch gesund bist und dir nichts passieren kann. Also lassen wir es mal drauf ankommen, mal schauen was passiert“
Ich machte mir Druck, wollte wieder leistungsfähig sein und zwang mich, meinen Alltag wieder normal durchzuführen.
Das lief mal besser und mal schlechter, aber tendenziell ging es mir damit besser also behielt ich es bei.
Wochen und Monate verstrichen und mit der Zeit wurde meine Angst vor den Symptomen immer geringer und geringer. Meinen normalen Dauerschwindel hielt ich aus, als wäre nichts los, nur in manchen Situationen, wo es etwas extremer wurde, hatte ich mal Angst zu kämpfen, aber ich dachte: „Das ist jetzt halt so. Damit musst du leben und dich damit abfinden“.
Nach einer gewissen Zeit, war der Schwindel eher nervig als beängstigend und ich sprach über ihn wie über einen störenden Chef oder ein nerviges Kleinkind, nahm die Situation mit Humor und nahm der Situation so oft die Anspannung.
Nach so vielen guten Wochen, fast Monaten, passierte jedoch plötzlich etwas, was alles änderte. Ich hatte einen kleinen Kreislaufzusammenbruch. Überhaupt nichts wildes, hat bestimmt jeder in seinem Leben mal, aber ab dem Punkt war die Angst zurück und zwar stärker denn je.
Ich war mir auf einmal sicher, dass ich ein Herzproblem haben müsse, rannte erneut panisch zu allen Ärzten, ließ mich wieder von allen Seiten abchecken, wieder war alles in Ordnung. Ich verbrachte sogar ein Wochenende in einer kardiologischen Klinik, wo ich 24/7 überwacht wurde, aber trotz konstanten Schwindels und dem Gefühl, in Ohnmacht zu fallen, war abgesehen von einem erhöhten Puls, alles absolut unauffällig und mir wurde von drei verschiedenen kardiologischen Oberärzten versichert, dass mein Herz gesund war.
Ich war verzweifelt.
Der Schwindel war stärker denn je, verbunden mit einer unfassbaren Angst und Unsicherheit. Ich kündigte meinen Job, zog mich komplett zurück und versank in einem Pool aus Selbstmitleid, Verzweiflung und Endzeitstimmung.
Eines Nachmittags hatte ich dann genug. Ich konnte einfach nicht mehr.
Ich ließ mich zu meiner Psychiaterin fahren und berichtete ihr von meinem Zustand. Sie reagierte ganz ruhig und gefasst, was mich unfassbar beruhigte und verschrieb mir Medikamente gegen die Angst.
Erst war ich skeptisch, ich nahm sehr ungern Medikamente, da ich sehr sensibel darauf reagiere, jedoch sah ich keine andere Möglichkeit. Ich brauchte Hilfe.
Also wenn auch etwas skeptisch, ich nahm meine Medikamente.
Elvanse gegen mein ADHS, Opipramol als Angstlöser und Promethazin für den Notfall. Das soll keine Medikamentendiskussion werden, Jeder verträgt was Anderes am Besten. Ich wollte es trotzdem anführen, vielleicht als Denkanstoß für mögliche medikamentöse Therapie. Aber man sollte das natürlich ganz individuell mit dem behandelnden Arzt besprechen.
Nach ein paar Tagen Eingewöhnungszeit merkte ich, wie ich ruhiger wurde. Und erst dann merkte ich, wie unfassbar angespannt ich davor war. Die Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre Dauerstress.
Und ich merkte, was das mit meinem Körper tat. All die Verspannungen, mein jahrelanger Reflux, mein ständiger Bewegungsmangel durch das Zurückziehen und „Schonen“, meine unregelmäßige ungesunde Ernährung, meine Unfähigkeit mal im hier und jetzt zu leben. All das kam mir in den Kopf und ich begann langsam, Schritt für Schritt daran zu arbeiten.
Ich informierte mich über die Stresshormone Adrenalin und Cortisol, darüber was im Körper passierte, wenn es dauerhaft ausgeschüttet wird. Ich informierte mich über Panikattacken.
Ich erfuhr, dass Augen, Nacken und Innenohr das Gleichgewicht regulierten und gab mir mehr Mühe, sowohl an meinen Verspannungen als auch an meinem Augenproblem zu arbeiten. Ich machte endlich einen OP-Termin für die Augen, der Eingriff stand schon seit Jahren an.
Ich ging jeden Tag spazieren, egal wie es mir ging, und es entwickelte sich langsam von der Herausforderung zur Entspannung, zu etwas, worauf ich mich schon im Vorhinein freuen konnte.
Natürlich bin ich kein Wunderkind. Und dies ist keine „Über Nacht ist es weg“-Geschichte. Ich habe immernoch immer mal wieder Schwindel. Manchmal habe ich auch Angst. An manchen Tagen holt mich die ganze Sache ein und es fühlt sich so an, als wäre man keinen Schritt weiter. Aber das stimmt nicht. Es ist nicht schlimm, Rückschläge zu erleiden. Man muss nur immer wieder aufstehen.
Also mein Ratschlag an dich: Steh immer wieder auf!
Ich war schon so oft in meinem Leben an einem Punkt, an dem ich dachte, es geht nicht mehr weiter. An dem ich dachte, dass es nie mehr besser wird.
Aber es ist jedes Mal weggegangen, egal wie ekelhaft und lang es war und es ging immer weiter!
Wenn du also unter Schwindel leidest, geh auf jeden Fall zum Arzt und lass es erstmal organisch abklären.
Schwindel ist in erster Linie ein Symptom. Ein sehr unspezifisches. Aber die gute Nachricht ist, dass Schwindel vor allem als alleinstehendes Symptom, vor allem wenn es dauerhaft ist und wenn man weder stürzt noch ohnmächtig wird keine gefährliche Ursache hat.
Es ist total ekelhaft, keine Frage, aber ist nur in den seltensten Fällen Ausdruck einer bedrohlichen Erkrankung.
Also lasst euch durchchecken, denkt auch an die Augen, die Ohren, den Nacken. Denkt an Medikamente, könnte es eine Nebenwirkung sein? Denkt an Hormone, vor allem Frauen, lasst euren Hormonstand checken, eure Schilddrüse, eure Nebenniere. Geht zum Kardiologen.
All diese Dinge sollten abgeklärt sein, aber wenn all diese Bereiche abgeklärt sind, versucht psychogenen Schwindel als Ursache zu akzeptieren.
Dabei handelt es sich nämlich keinesfalls um eine Einbildung, sondern um tatsächliche Prozesse im Körper, die durch Stress und Angst ausgelöst werden.
Also ja, euer Schwindel ist echt.
Aber, er ist auch behandelbar.
Der Schlüssel ist Akzeptanz, aber keine Resignation.
Akzeptiert den Schwindel, aber lasst ihn nicht bestimmen.
Sucht euch einen Therapieplatz, seid immer offen neuen Methoden gegenüber. Verzeiht euch Rückschläge. Versucht, eurem Körper zu vertrauen, er ist zu viel mehr im Stande als ihr denkt.
Wenn du das gerade liest und verzweifelst, denkst es geht nicht mehr weiter und einfach nur noch willst, dass es aufhört…
Ich war du.
Manchmal bin ich noch du.
Diese Gedanken sind Teil des Prozesses, höre sie, akzeptiere sie aber lass sie auch wieder ziehen.
Steh. Immer. Wieder. Auf.
Mach immer weiter.
Nichts bleibt für immer so, wie es war. Diese Gewissheit kann man auch für seinen Vorteil nutzen.
Nichts ist für immer. Nicht das Schöne, aber auch nicht das Leid.
Sei nett zu dir selbst, versorge dich und deinen Körper, probiere Entspannungstechniken aus und was für mich mit Abstand das schwierigste war und ist: Hab Geduld. Hab einen langen Atem. Von heute auf morgen wird das nicht magischerweise verschwinden.
Es ist unfassbar viel Arbeit, aber es ist der einzige Weg.
Sieh den Schwindel nicht als Feind, sondern als Kollegen, der halt mal wieder dabei ist.
Mach dir keinen Druck. Versuche kleinschrittig zu denken.
Mit der Zeit wirst du den Schwindel nicht mehr als bedrohlichen Feind sehen. Er verliert seine Macht, seine Funktion und dient der Angst nicht mehr als Vermittler.
Genauso bin ich auch meine Atemnot losgeworden.
Dein Körper ist dein Freund, dein Körper bist du, du bist dein eigener Freund.
Du kannst etwas ändern. Du kannst dir helfen.
25.09.2024 14:20 • • 27.09.2024 x 5 #1