Hallo Hotin,
ich möchte gerne auf ein paar Punkte eingehen:
Zitat von Hotin: Unser Unterbewusstsein kann nicht logisch denken und keine Entscheidungen treffen.
Und doch
bestimmt es in vielerlei Hinsicht unser (Er)Leben... Kann man es somit vielleicht auch als
deterministische Grundsteuerung bezeichnen, die zwar dumm ist, aber lediglich aus
unreflektierten (also: unbewussten) Sinneseindrücken besteht?
Das würde m. E. bedeuten, dass man durch
bewusstes Verarbeiten akuter Sinneseindrücke somit nach und nach seinen persönlichen Determinator umformen kann. Kann man es auch so ausdrücken?
Mir geht das darum, dass ich Dich richtig verstehe.
Zitat von Hotin: Auf unser unterbewusstes Denken haben wir nur einen sehr begrenzten Einfluss.
Und doch ist unser Einfluss letztendlich der
einzigste, denn
unsere (vorgeschaltete)
Bewusstheit (bei Sinneseindrücken) ist es, die über das Inventar des Unterbewusstseins und somit über dessen (Er)Lebens
wirkung entscheidet.
Zitat von Hotin: Echte Ruhe im Kopf und wirkliche Zufriedenheit, stellt vor allem unser bewusstes Denken her.
Ja, so erlebe ich es auch. Allerdings bleibe ich immer ein wenig kritisch, da ich als Ursache für die Zufriedenheit nicht nur das bewusste Denken sehe, sondern auch die dem Ego inhärente
Kontrollneigung. Ergo: Ich denke (bewusst), also
bin ich!
Ob Descartes damit bewusstes
und unterbewusstes Denken meinte, scheint mir hier nicht unwichtig. Was meinst Du? Ich glaube, Descartes meinte damit lediglich das
bewusste Denken, denn das ist ja letztendlich das, was der menschliche Geist als Ich-Aktivität erlebt. Beim
unbewussten Denken ist m. E. das Ego so gut wie nicht vorhanden. Darum ordnen m. E. einige Wissenschaftler das Unterbewusstsein tendenziell eher dem Tierreich zu.
Zitat von Hotin: Im „Hier und Jetzt“ sein und „Achtsamkeit leben“ und auch Ruhe im Kopf erzeugen“, kann man nur mit bewusstem Denken erreichen.
Das hingegen glaube ich nicht. Ich würde es eher als Beruhigung (des Egos!) bezeichnen. Echte (vollständige) Ruhe hingegen findet m. E.
ohne den Erleber (Ego) statt und die hat mit (diskursivem) Denken nichts zu tun. Das bedeutet aber nicht, dass während echter Ruhe nicht bewusst gedacht werden kann. Ich möchte nur das bewusste Denken als Allheilmittel in Frage stellen. Auch bewusstes Denken kann m. E. allerlei Unruhe in das Dasein bringen.
Zitat von Hotin: Die meisten kennen es. Panikattacken treten besonders dann auf, wenn Ruhe einkehrt. In diesen Momenten erlaubt man seinem bewussten Denken eine
Pause einzulegen. Man glaubt, man schaltet ab.
Stimmt. Man schaltet die (vermeintliche) Anstrengung des bewussten Denkens ab, weil man der der Verlockung der (ebenfalls vermeintlichen) Einfachheit des unbewussten Denkens anheimfällt.
Zitat von Hotin: Auf diesen Moment hat das Unterbewusstsein nur gewartet. Es arbeitet natürlich weiter und verunsichert uns häufig mit vielen Gedanken und Ängsten.
Das hält so lange an, bis wir wieder mit bewussten Gedanken unserem Unterbewusstsein sagen, dass es uns im Moment nicht mit belastenden Gedanken und negativen Gefühlen belasten soll.
Wir selbst können und sollten möglichst immer bewusst entscheiden, wann uns unser unterbewusstes Denken belasten darf.
Ja, sehe ich auch so. Ich möchte lediglich ergänzen, dass das Unterbewusstsein nicht per se als Gegner oder zumindest Gegenspieler begriffen werden sollte (was ich Dir auch nicht unterstelle, aber es könnte bei Manchem der Eindruck entstehen). Wir sollten vielmehr seine
Inhalte erkennen und in die Bewusstheit holen.
Zitat von Hotin: Wer nicht versteht, dass dass sein Denken aus den Bestandteilen unterbewusstes Denken und bewusstes Denken besteht, der wird auch nach 5 Jahren Therapie oft vermutlich entnervt und überfordert seine Therapie abbrechen.
Definitiv! Und es ist auch wichtig, dass er diese beiden Denk-Pole
aktiv erlebt und entsprechend ihrer Wirkweise einordnet. Sehr gut eignen sich hier konkrete Beispiele im Zuge einer Therapie.
Zitat von Hotin: Das Unterbewusstsein kannst Du nicht eben mal ändern und beeinflussen. Und doch kannst Du Dein unterbewusstes Denken mit Geduld, viel Zeit und viel Üben positiv verändern.
Dein diesbezüglicher Hinweis auf die
transformierende Funktion des Schreibens finde ich hier höchst erachtenswert! Besser kann man es wohl nicht beschreiben.
Zitat von Hotin: Eine vermutlich noch viel wichtigere Aufgabe des Unterbewusstseins ist, Alles das, was sich oft wiederholt, auswendig zu lernen. Das entlastet den Kopf und spart uns Zeit.
Ja. Und genau deshalb sehe ich die Digitalisierung und ihre funktionellen Kollateralschäden als ein Hauptübel der Neu(est)zeit an. Die vermeintliche Entlastung des Kopfes und Zeitersparnis geht langfristig einher mit Denkfäule und Inhaltslosigkeit unseres Daseins.
Zitat von Hotin: Gelerntes wird von unserem Unterbewusstsein gespeichert.
...und ist dort niemals gesichert! Es findet stets eine Bewegung statt - wir müssen lernen, bewusst zu entscheiden, in welche Richtung die Bewegung tendenziell, also langfristig geht.
Zitat von Hotin: Am meisten lernt das Unterbewusstsein alles, was Spass macht oder durch Zwang.
Ja, sehe ich auch so. Ich finde auch diesen Hinweis wichtig und bemerkenswert. Viele Patienten von Irvin D. Yalom waren z. B. überrascht, dass ihnen Therapie in weiten Strecken Freude machte...
P.S. Lieber @Hotin, ich will das Thema nicht sprengen, nur ein paar Gedanken beisteuern. Ich erwarte keine Rückmeldungen, wenn Du es an dieser Stelle nicht für passend hältst.